Science, Seneca und der #Brexit

Der Weg, den Großbritannien mit dem Brexit einschlägt, tut insbesondere uns Naturwissenschaftlern weh: Sind es doch die Briten, Engländer, Waliser wie Schotten, mit ihrem frischen, unkonventionellen und für Neues aufgeschlossenen Geist, der unsere Zunft immer wieder voran brachte.

Hier wurde schon über die sogenannte Wissenschaftliche Revolution gebloggt, eine der entscheidenden Keimzellen der modernen Naturwissenschaft der Neuzeit. Und wo fand sie statt: Im England des 17. Jahrhunderts. Wir werden die Briten vermissen, das steht fest. Und es wird, vor allem von Wissenschaftsseite und von Seite der Jüngeren unter uns noch viel zu diesem Thema zu sagen sein...

Gegen Abend dieses in der Tat denkwürdigen Tages darf man ruhig etwas besinnlich werden. Großbritannien sucht nach seiner zeitgemäßen Identität leider mehr in der Vergangenheit als im Hier und Jetzt. Letztlich suchen die Briten nach ihrem Weg zum Glück.

Der Römische Philosoph Seneca (ca. 1 - 65 n. Chr. / der, der von Nero in die Selbsttötung getrieben wurde) hat sich zeit seines Lebens mit dem Glück befasst. In einem Brief an seinen Bruder Gallio kommt eine Stelle vor, die das Dilemma mit Abstimmungen und der dann oft geltenden Meinung der Masse aufgreift - passt irgendwie zum heutigen Einschnitt im Leben von mindestens der Hälfte der Briten. Daher hier in Auszügen:

Seneca_AbbLieber Bruder Gallio!

Glücklich leben wollen alle, aber wenn man herausfinden will, was ein glückliches Leben ausmacht, dann gewinnt man keine Klarheit. Es ist nicht so leicht, ein glückliches Leben zu erreichen: Ist man vom richtigen Weg abgekommen, entfernt man sich umso weiter von seinem Ziel, je rascher man darauf zueilt. [...]

Ist man erst einmal auf dem rechten Weg, wird man sehen, wie viel man davon täglich zurückgelegt hat und wie weit das Ziel noch entfernt ist, zu dem uns ein natürliches Verlangen führt. Solange wir aber ohne Orientierung umhertreiben, uns von verworrenen Stimmen hierhin und dorthin ziehen lassen, wird unser Leben ein fortwährender Irrweg sein, auch wenn wir uns Tag und Nacht um eine richtige Ansicht von den Dingen bemühen. [...]

Wenn es um das glückliche Leben geht, darfst du nicht wie bei Abstimmungen sagen: „Auf dieser Seite scheint die Mehrheit zu sein", denn aus folgendem Grund ist eben dies das Schlimmere. Es steht mit den menschlichen Angelegenheiten nicht so gut, dass das Bessere der Mehrheit gefällt: Die Masse ist der Beweis für das Schlechteste. Lasst uns deshalb fragen, was das Beste, nicht, was das Übliche ist, was uns in den Besitz eines beständigen Glücks bringt, nicht, was der Masse gefällt, die unfähig ist über die Wahrheit zu urteilen. [...]

Vielleicht etwas drastisch ausgedrückt, auf jeden Fall aber deutlich!

Wir Wissenschaftler, die freie Rede und den freien Gedanken Liebenden sollten die Briten jetzt nicht fallen lassen. Die die "Remain" gestimmt, aber auch die meisten anderen hätten das nicht verdient.

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